Montag, 30. April 2012

Geld- und Krisentheorie

Es gibt offensichtlich grosse Missverstaendnisse selbst unter Bankern ueber die Natur und die Entstehung von Geld im bestehenden Geld- und Bankensystem. Dies liegt vermutlich und z.T. daran, dass die Grundlagen der klasssischen Geldtheorie zu einer Zeit gelegt wurden, in der die Goldbindung bestand. Die Goldbindung verpflichtete das Bankensystem bei der Schoepfung von Geld ein festgelegtes Verhaeltnis zwischen Geldmenge und Goldreserve nicht zu ueberschreiten.  Dieses als Goldstandard bezeichnete System durchlief eine turbulente Geschichte und fuehrte in die verschiedensten Krisen, die durch Waehrungsreformen nur teilweise geloest werden konnten und letztendlich direkt in die Weltwirtschaftskrise 1929, die Bankenkrise in Deutschland und Oesterreich 1931 sowie in den zweiten Weltkrieg fuehrte.
  Nachdem zweiten Weltkrieg wurde mit dem sog. Bretton Woods System ein System fester Wechselkurse und Goldbindung des US$ als Leitwaehrung etabliert. Diese Goldbindung wurde 1973 aufgegeben, da die USA einseitig den Weg einer expansive Geldpolitik beschritten hatten, um den Vietnamkrieg finanzieren zu koennen. Das war das Ende "echten Geldes", welches demjenigen, der Geld akzeptierte, garantierte, dieses Geld zu jeder Zeit in einem festgelegten Verhaeltnis in Gold eintauschen zu koennen. In Folge wurde zu einem System meist freier Wechselkurse uebergegangen. Dieser Uebergang ist aber offensichlich in der Geldtheorie und in den Koepfen der Menschen bis heute nicht sauber verarbeitet. Selbst manche Banker unterscheiden noch zwischen "echtem Geld" und Kreditgeld. Dabei ist seit der Aufhebung der Goldbindung jedes Geld Kreditgeld, das durch Zentralbanken und Geschaeftsbanken geschoepft werden kann und geschoepft wird. Man spricht auch von Fiat Money (fiat (lateinisch) = es werde), da es aus dem Nichts (ex nihilo) entsteht. Seitdem gibt es nur noch physisches Geld in Form von Banknoten, das nur durch die Zentralbank geschoepft werden kann und Buchgeld aka Giralgeld, welches sowohl von den Notenbanken als auch von den Geschaeftsbanken im Zuge der Kreditvergabe geschoepft werden kann.
Und zwar aus dem Nichts!

Beim physischen Geld besogt das eine Druckerpresse und die Schoepfung von Buchgeld ist ein Buchungsvorgang innerhalb des Bankensystems bei dem im Zuge der Kreditvergabe zwei Eintraege in der Bankbilanz (meist auf einem Computer gefuehrt) entstehen. Auf Seiten der Aktiva eine Forderung der kreditgebenden Bank gegen den Kreditnehmer und auf Seiten der Passiva ein entsprechend hohes Guthaben auf dem Girokonto des Kreditnehmers. Die Hoehe der Geldschoepfung ist bei der Zentralbank theoretisch unendlich und praktisch nur duch die Faehigkeit der Kreditnehmer akzeptierte Sicherheiten zu stellen begrenzt. Eine Forderung gegen die Zentralbank gilt daher als die "sicherste" Sache innerhalb des Bankensystems, da die Zentralbank nicht Pleite gehen kann, in dem ihr das Geld ausgeht. Die maximale Hoehe der Geldschoepfung durch die Geschaeftsbanken ist theoretisch durch drei Elemente begrenzt.
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1.) Durch das haftende Eigenkapital. D.h. die "risikogewichtete" Bilanzsumme darf ein gewisses Verhaeltnis zum haftenden Eigenkapital nicht uebersteigen, wobei auch noch verschiedene Kapitalarten (Tier1, Tier2,...) unterschieden werden. Hier sind vor allem die Basel - II , -III Vorschriften zu nennen, die diese Begrenzung etablieren sollen.
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2.) Die Faehigkeit der Kreditnehmer der Bank Sicherheiten zu stellen. Hier hat die Bank sehr weitgehende Spielraeume, was und wie weit sie gestellte Sicherheiten als soche akzeptiert.
In Deutschland war es zum Beispiel ueber lange Jahre ueblich beim privaten Hausbau den Vorrangigen Eintrag in das Grundbuch als Sicherheit fuer eine Hypothek in Hoehe von bis zu 60% des geschaetzten Verkehrswerts des Grundstuecks (inkl. seiner Bebauung) zu akzeptieren. Dieser Prozentsatz wurde aber immer wieder angehoben, in den USA im Lauf der Immobilienblase  z.T. auf 100% und mehr. Auch die Verkehrswertschaetzung ist Angriffspunkt fuer Bestrebungen moeglichst viel Kredit auszureichen/ausgereicht zu bekommen. Daher werden von serioesen Banken vereidigte Sachverstaendige fuer diese Aufgabe herangezogen, die als unbestechlich gelten.
Leider ist es so, dass selbst Leiter des Kreditausschusses aber auch Grosskunden einer Bank immer wieder versuchen Einfluss auf diese Schaetzer zu nehmen, um ihre Interessen durchzusetzen. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass bei Staatsanleihen die Funktion der vereidigten Sachverstaendigen durch Ratingagenturen uebernommen wird.
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3.) Mindestreserveanforderungen der Zentralbank (EZB bis Ende 2011 2%, seitdem 1%). Hiermit verpflichtet die Zentralbank die Geschaeftsbanken einen geringen Prozentsatz der Bilanzsumme als Forderung gegen die Zentralbank= eine Einlage bei der Zentralbank und / oder Bargeld in Form von Banknoten und Muenzen der ausgebenden Zentralbank zu halten.
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Alle drei Mechanismen stehen z.Zt. in  Diskussionen, die die jeweilige Wirksamkeit in Frage stellen. Tatsache ist, dass die Geschaeftsbanken ihr eingesetzes Eigenkapital in erheblichem Umfang hebeln koennen. D.h. die Bilanzsumme kann durch Kreditvergabe=Geldschoepfung auf ein Vielfaches des eingesetzten Eigenkapitals ausgedehnt werden. Da das Eigenkapital durch zugefuehrte Gewinne ebenfalls stark wachsen kann, ergibt sich das Potential fuer ein exponentielles Wachstum, wie es auch tatsaechlich zu beobachten ist
(siehe M0 Base Money vs. M3).
Dieses Potential der Geschaeftsbanken zur Geldschoepfung aus dem Nichts hat in den vergangenen 15 Jahren zu mindestens drei grossen Krisen mit verheerenden Folgen fuer die Realwirtschaft gefuehrt. Die Asienkrise 1997 in der sog. "Hot Money" zunaechst in die aufstrebenden Tigerstaaten stroemte und dann in Folge einer Waehrungsspekulation gegen den thailaendischen Baht panikartig zurueck gezogen wurde. Die sog. Dotcom Blase, die im Jahr 2000 platzte und in der gigantische Geldmengen zunaechst in die aufstrebende Internetindustrie gepumpt wurden, die sich dann ebenfalls panikartig zurueck zogen, als klar wurde, dass diese Unternehmen niemals eine Chance haben wuerden, Gewinne in entsprechender Hoehe zu generieren. Und die sog. Sub Prime Hypotheken Krise, die 2007 offenbar wurde und die sich inzwischen zu einer Weltwirtschaftskrise ausgewachsen hat, in deren Folge nicht nur das Projekt Europa an die Wand gefahren wurde, sondern auch die wirtschaftliche Zukunft vieler weiterer westlicher Industriestaaten in Frage gestellt erscheint.
Ursaechlicher Kern dieser Krisen ist die Faehigkeit des Finanzsystems sehr schnell sehr grosse Mengen Geldes bereit zustellen, um zunaechst in einer sich selbstverstaerkenden Mitkopplung via Asset Price Inflation einen hoch spekulativen Boom auszuloesen und zu unterstuetzen, der dann frueher oder spaeter in sich zusammen brechen muss, und zu einem "Auschwingen" dieser "Abrissbirne", wie Soros es mal genannt hat, fuehrt. Die betroffenen Volkswirtschaften leiden dann unter einer sog. Debtdeflation, die nicht nur die Auswuechse bereinigt, sondern auch verheerende Folgen bei ansich gesunden und wuenschenswerten Entwicklungen hinterlaesst.
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Der skandaloese Fakt, dass die neoklassischen Theorien der Volkswirtschaftslehre Banken nur als Durchreichestation von Ersparnissen und Gewinnen hin zu Investitionen betrachten und das Potential zur Geldschoepfung der Geschaeftsbanken und die Moeglichkeit einer dynamischen sich selbstverstaerkenden Mitkopplung ueber Asset Price Inflation nicht sehen und in ihren Modellen nicht beruecksichtigen, macht die sog. Wirtschaftwissenschaften zu Mitschuldigen an diesen Katastrophen. Denn was ist das fuer eine Wissenschaft, die nicht nur  das zentrale Kommunikationsmittel Geld und seine Entstehung nicht verstanden hat sondern die Quelle seiner Entstehung in ihren Modellen nicht beruecksichtigt? Wie kann man einen Menschen verstehen wollen, ohne sein zentrales Nerven- und Kommunikationssystem in die Betrachtungen einzuschliessen? Das ist mir bis heute schleierhaft. Es gibt nur einen Oekonomen, der dies zu beheben sucht. Und das ist Steve Keen. Selbst Nobelpreistraeger wie Paul Krugman stellen sich auf diesem Auge in auffaelig hartnaeckigerweise blind. 
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Das Banker und Zentralbanker sich der Einsicht verweigern, dass seit der Abschaffung des Breton Woods Systems Geld nicht mehr ausschliesslich die Weiterreichung eines Anrechts auf ein reales in begrenzter Menge vorhandenen Gut in Form von Gold darstellt, sondern inzwischen stark ueberwiegend Kreditgeld ist, das aus dem Nichts geschoepft wird, ist nur mit der fuer sie daraus entstehenden Macht und der Moeglichkeit der Erzielung enormer Profite zu erklaeren. Dabei hat schon Ludwig v. Mises in seiner Theory of Money and Credit die Moeglichkeit der Banken zum "...granting of credit through the issue of fiduciary media, that is, notes and bank balances that are not covered by money." hingewiesen. Dabei ging er natuerlich bei "money" vom durch Gold gedeckten Geld seiner Zeit aus.
"The business of banking falls into two distinct branches: the negotiation of credit through the loan of other people's money and the granting of credit through the issue of fiduciary media, that is, notes and bank balances that are not covered by money. Both branches of business have always been closely connected. They have grown up on a common historical soil, and nowadays are still often carried on together by the same firm. This connection cannot be ascribed to merely external and accidental factors; it is founded on the peculiar nature of fiduciary media, and on the historical development of the business of banking."


Das in der heutigen Zeit "Echtes Geld", also durch Gold gedecktes Geld nicht mehr existiert und nur noch  "fiduciary media" = treuhaenderisch verwaltete Medien = treuhaenderisch verwaltetes Buchgeld, wie er es nannte, existiert, wurde schlicht und einfach "uebersehen" und nicht in die Theorien eingearbeitet. Das ist verheerend, da die Implikationen, Versuchungen und Moeglichkeiten, die daraus entstehen, massive Auswirkungen auf die Qualitaet der wirtschaftlichen Entwicklung und die Entstehung von Krisen haben.

Sapere Aude!

Georg Trappe

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